Letzte Woche hatte Iva Tsolova-Kutsarova, Mitgründerin des Soziale Zukunft – Verein zur Förderung der Integration behinderter Menschen, das Privileg, am 2. Europäischen Forum für Digitale Citizenship-Bildung teilzunehmen, das vom 27. bis 29. Mai 2026 im Palais de l’Europe in Straßburg stattfand. Über drei Tage hinweg kamen mehr als 200 Delegierte aus ganz Europa, Süd- und Nordamerika zusammen, um Ideen auszutauschen, Ressourcen zu teilen und gemeinsam die Diskussion darüber voranzubringen, was es bedeutet, in einer sich rasch wandelnden Welt digitale Bürger zu sein.
Für den Soziale Zukunft Verein war dies eine bedeutungsvolle Gelegenheit, die alltägliche Arbeit der Organisation mit einem breiten europäischen Dialog über Bildung, Inklusion und die Zukunft der Arbeit zu verbinden.
Die Forum-Expo: ARISE ins Gespräch bringen
Am ersten Tag des Forums nahm Iva an der DCE-Expo teil – einer Präsentationsveranstaltung mit Ressourcen von zivilgesellschaftlichen Organisationen, Regierungen, Forschungseinrichtungen und dem Europarat selbst. Im Foyer des Hemicyclus bot die Expo eine reichhaltige Sammlung von Tools, Publikationen und Projekten.
Soziale Zukunft Verein präsentierte das ARISE-Projekt – das KI-gestützte Toolkit für Barrierefreiheit und Karriereberatung – eine transnationale Initiative, die Partner aus Österreich, Griechenland, Zypern, Estland und Lettland vereint. ARISE basiert auf einer einfachen, aber dringlichen Idee: Menschen mit Behinderungen verdienen Karriereberatungssysteme, die mit ihnen entwickelt wurden – nicht um sie herum. Das Team entwickelt derzeit KI-gestützte Karriererahmen, barrierefreie Bildungsressourcen und praktische Werkzeuge für Beraterinnen und Berater, die die Lebensrealitäten der Menschen widerspiegeln, denen sie dienen.
Die Resonanz auf der Expo war ermutigend. Die Gespräche waren substanziell, die Fragen auf angenehme Weise fordernd, und der erste Tag endete mit mehreren neuen Kontakten, die zu echten Kooperationen weiterentwickelt werden sollen.
Auf der Bühne: Lehrberufe im digitalen Zeitalter
Am dritten Tag hatte Iva die Gelegenheit, in der Sitzung „Lehrberufe im digitalen Zeitalter“ zu sprechen – einer Sitzung, die im Mittelpunkt der Kernarbeit von Soziale Zukunft steht. Ihr Vortrag konzentrierte sich auf die Schnittstelle von digitaler Citizenship-Bildung, vulnerablen Gruppen und Menschen mit Behinderungen. Das zentrale Argument ist eines, mit dem die Organisation tagtäglich lebt: Barrierefreiheit darf nicht als nachträglicher Gedanke behandelt werden – als etwas, das einem bereits bestehenden System nachträglich hinzugefügt wird. Sie muss von Anfang an ein grundlegendes Prinzip sein.
Iva sprach über die strukturellen Barrieren, mit denen Menschen mit Behinderungen konfrontiert sind, wenn sie versuchen, gleichberechtigt an Bildung und Arbeitsmärkten teilzunehmen – Barrieren, die selten als einzelne, isolierte Hindernisse auftreten, sondern sich über alle Phasen des Weges anhäufen: von Bildung und Ausbildung bis hin zu Bewerbung und Einarbeitung. Die Kernaussage lautete, dass die Beseitigung eines einzigen Hindernisses, während andere bestehen bleiben, selten ausreicht.
Sie sprach auch darüber, was funktioniert: Kleine, bewusst gemischte Trainingsgruppen. Hybride Lernformate, die Teilnahme unabhängig von Wohnort oder Gesundheitszustand ermöglichen. Gelebte Erfahrung im Raum – Trainerinnen und Trainer sowie Programmverantwortliche mit eigener Behinderung bringen eine Qualität des Verständnisses mit, die kein theoretischer Rahmen vollständig ersetzen kann. Und ARISE als fortlaufender Versuch, diese Ideen von der Diskussion in funktionierende, erprobte Werkzeuge zu überführen. Das Projekt wird von Grund auf mit Barrierefreiheit und Disability Inclusion als Fundament entwickelt – es vereint KI-gestützte Karriereberatungsrahmen, praktische Tools für Beraterinnen und Berater sowie barrierefreie Bildungsressourcen, die rund um die realen Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen, Karriereberaterinnen und -beratern sowie Arbeitgebern gestaltet sind.
Digitale Bürgerschaft, die Zukunft der Arbeit und die Menschen, die zurückgelassen werden
Eines der Themen, das sich durch das gesamte Forum zog, war der Wandel der Arbeitswelt – und es ist etwas, worüber Soziale Zukunft ständig nachdenkt. KI ersetzt nicht einfach Arbeitsplätze. Sie strukturiert sie um. In den Bereichen Datenmanagement, Barrierefreiheitstechnologie, KI-Systemüberwachung und digitale Dienstleistungen entstehen neue Berufsbilder. Gleichzeitig verändern sich bestehende Rollen auf eine Weise, die kontinuierliche Anpassung erfordert. Die Frage ist nicht, ob sich Technologie weiterentwickeln wird – sie wird es, und zwar rasch. Die Frage ist, ob die Systeme, die menschliche Teilhabe unterstützen, sich damit weiterentwickeln werden.
Für die Gruppen, mit denen Soziale Zukunft arbeitet, stehen bei dieser Frage besonders viel auf dem Spiel. Menschen mit körperlichen, sensorischen und intellektuellen Behinderungen sowie mit chronischen Erkrankungen navigieren bereits Arbeitsmärkte, die nicht mit ihnen im Sinn gestaltet wurden. Nun werden diese Arbeitsmärkte zunehmend digital-first. Bewerberinnen und Bewerber müssen verstehen, wie Applicant-Tracking-Systeme funktionieren. Sie müssen wissen, wie sie sich so präsentieren, dass sie algorithmische Vorauswahl überstehen, bevor sie zu einer menschlichen Recruiterin oder einem menschlichen Recruiter gelangen. KI-Kompetenz ist für sie keine Zusatzqualifikation, sondern eine Grundvoraussetzung für die Teilhabe. Digitale Citizenship-Bildung ist genau deshalb bedeutsam, weil sie diese Lücke schließt – nicht nur technisch, sondern auch gesellschaftlich. Sie stärkt das Selbstvertrauen, das kritische Denken und die Orientierungsfähigkeit, die es Menschen ermöglichen, in digitalen Umgebungen als aktive Gestalterinnen und Gestalter zu agieren – nicht als passive Nutzerinnen und Nutzer. Ohne gezielte Unterstützung wird sich die Kluft zwischen dem Tempo der technologischen Entwicklung und der Inklusion vulnerabler Gruppen nicht von selbst schließen. Sie wird sich vergrößern.
Brücken bauen, keine Umwege
Die Arbeit des Soziale Zukunft Verein zielt nicht darauf ab, Parallelsysteme für Menschen zu schaffen, die keinen Zugang zum Hauptsystem haben. Es geht darum, das Hauptsystem selbst zu verändern – gemeinsam mit Arbeitgebern daran zu arbeiten, ihre Recruiting- und Onboarding-Prozesse wirklich barrierefrei zu gestalten, Menschen auf eine Weise auszubilden, die sie nicht nur auf die Berufe von heute vorbereitet, sondern auf Karrieren, die sich weiter wandeln werden, und Lösungen gemeinsam mit jenen zu entwickeln, die am stärksten von Ausgrenzung betroffen sind. Das DCE-Forum war eine Erinnerung daran, dass diese Arbeit Teil eines viel größeren Gesprächs ist, das in ganz Europa und darüber hinaus geführt wird. Von Unterrichtsmaterialien bis hin zu politischen Rahmenwerken, von staatlichen Leitlinien bis zu NGO-geführten Initiativen – es wächst die Erkenntnis, dass digitale Inklusion kein Nischenthema ist. Es ist eine strukturelle Herausforderung, die strukturelle Antworten erfordert.
Technologie wird sich weiterentwickeln. Die entscheidende Frage ist, ob Inklusion sich mit ihr weiterentwickeln wird – und das ist keine Frage, die Technologie von selbst beantwortet. Es liegt an Pädagoginnen und Pädagogen, Organisationen, politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern sowie Arbeitgebern, dafür zu sorgen, dass die Antwort Ja lautet.
Der Soziale Zukunft Verein kehrte aus Straßburg mit erneuerten Partnerschaften, neuen Gesprächen in Entstehung und einem klareren Verständnis dafür zurück, wo diese Arbeit im größeren europäischen Rahmen ihren Platz hat. Wenn Sie mehr über ARISE erfahren oder Kooperationsmöglichkeiten erkunden möchten, freut sich das Team auf das Gespräch.